Mal was ganz anderes. Ich beobachte gerne die Menschen in unserem Dorf und unserer Gegend. Vom Fahrrad aus oder in den Nachbarschaft. Dennoch: Die kleine Kurzgeschichte ist natürlich reine Satire und hat keinerlei Bezug zu real existierenden Menschen. Viel Spaß beim Lesen.
Ein Haus, zwei Kinder
Alle Leute kaufen irgendwann ein Haus und bekommen dann ein zweites Kind – oder sie bekommen erst das zweite Kind und kaufen danach ein Haus. Es scheint eine Art gesellschaftlicher Quest zu sein, wie früher Rittertum oder Goldrausch. Wer Mitte dreißig ist und noch in einer Mietwohnung lebt, gilt schnell als Übergangslösung. „Ihr sucht bestimmt auch bald was Eigenes?“, fragen Bekannte beim Brunch, als wäre Wohnen eine Zwischenphase wie Zahnspange oder Zivildienst.
Die Häuser stehen dort, wo früher Kühe standen. Am Rand der bekannten Welt, hinter Kreisverkehr Nummer drei, wo die Straßen Namen tragen wie „Am Sonnenhang“ oder „Zur alten Mühle“, obwohl weder Sonne noch Mühle jemals gesehen wurden. Das Reihenmittelhaus kostet trotzdem sechshunderttausend Euro und hat eine „offene Wohnküche“, was bedeutet, dass man beim Kochen gleichzeitig den Wäscheständer ansehen kann.
Die Leute sitzen dann abends in ihren Neubauten und reden über Dämmung, Schallschutz und WLAN-Repeater. Die Kinder schlafen angeblich endlich besser, obwohl jede Nacht um halb drei jemand ins Elternbett kriecht wie ein kleiner emotionaler Einbrecher. Der Nachbar von gegenüber fährt ein Quad und hört Musik, die nach Energy-Drink klingt. Seine Freundin verkauft Kerzen auf Etsy.
Im Ort gibt es keinen Bäcker mehr, aber drei Paketshops. Der Bus fährt nur morgens und nachmittags, vermutlich aus Tradition. Also besitzen die Leute zwei Autos: einen kleinen elektrischen Stadtwagen und einen riesigen Familien-SUV, mit dem man theoretisch auch eine Elefantenherde evakuieren könnte.
An Halloween klingeln zwölf Kinder an der Tür, alle verkleidet als Serienkiller aus TikTok. Die eigenen Kinder bekommen zu viel Zucker, schlafen nicht ein und kotzen nachts ins neue Treppenhaus. Da steht man dann um zwei Uhr morgens mit Küchenrolle und denkt:
Das also ist Eigentum.
Die Siebträgermaschine verträgt nur frisches Gletscherwasser
Sobald die Leute ein Haus besitzen, entwickeln sie Interessen. Plötzlich trinken sie keinen Kaffee mehr, sondern „Espresso“. Sie kaufen eine italienische Siebträgermaschine aus Edelstahl, die aussieht wie ein medizinisches Gerät aus den Siebzigern und ungefähr so viel Aufmerksamkeit verlangt wie ein Kleinkind.
Die Maschine muss exakt zwanzig Minuten vorheizen, die Bohnen dürfen nur „single origin“ sein, und das Wasser sollte möglichst aus einer Quelle stammen, die von Mönchen bewacht wird. Der Mahlgrad wird wichtiger als politische Weltanschauungen. Ganze Samstage vergehen mit Sätzen wie:
„Der Shot channelt ein bisschen.“
Im Ort selbst gibt es kein Café, aber das macht nichts. Man hat ja jetzt eine Terrasse aus Bangkirai-Holz und trinkt dort Flat White, während der Nachbar seinen Hochdruckreiniger startet. Der Klang von Freiheit.
Außerdem kaufen die Leute Rennräder. Nicht einfach Fahrräder – Carbonrahmen, elektronische Schaltung, Flaschenhalter aus Titan. Die Räder hängen dann im Haus wie Kunstwerke, obwohl sie nur sonntags für dreißig Kilometer benutzt werden, um anschließend Kuchen zu essen.
Irgendwann kommt noch ein Hund dazu. Ein Labrador-Welpe mit „ruhigem Wesen“, was sich später als glatte Lüge herausstellt. Der Hund pinkelt auf Teppiche, frisst Legofiguren und verteilt im Garten einen Geruch, den selbst der Wind nicht mehr wegdiskutieren kann. Der Staubsaugroboter fährt tapfer durch alles hindurch und verwandelt kleine Katastrophen in großflächige.
Die Leute bekommen vielleicht sogar noch ein drittes Kind. Oder denken zumindest darüber nach. Bis der neue Carport im Herbststurm halb zusammenkracht und die Versicherung erklärt, man hätte „höhere Gewalt“ berücksichtigen müssen.
Dann sitzen wieder alle am Küchentisch.
Zwei Kinder. Ein Haus. Eine Kaffeemaschine, die entkalkt werden möchte.
Der Traum vom Gemüsebeet
Im Frühling beschließen alle, nachhaltiger zu leben. Das gehört inzwischen genauso zum Eigenheim wie der Mähroboter oder Streit über Wandfarben. Also baut man ein Hochbeet. Nicht irgendeines – aus Lärchenholz, wegen der Haltbarkeit. Drei Wochen lang schaut man Tutorials über Mischkulturen und sagt Wörter wie „Permakultur“, ohne genau zu wissen, was das bedeutet.
Am Ende wachsen darin drei Radieschen und etwas, das vielleicht Salat sein wollte. Eine Schnecke frisst alles weg, obwohl man extra Kupferband angebracht hat. Die Kinder interessieren sich ohnehin mehr für Eis und Freibad.
Das Freibad liegt allerdings dreißig Kilometer entfernt und hat nur mittwochs geöffnet. Also bleibt man zuhause und versucht, „das Beste draus zu machen“. Das bedeutet meistens: Baumarkt. Oder IKEA.
Eigentlich wollte man nur zwei Liegestühle kaufen. Nach drei Stunden kommt man mit Liegestühlen, Solarleuchten, einem Olivenbaum, Outdoor-Kissen und einem Grillthermometer zurück. Eventuell noch Kerzen. An der Kasse sagt man den Satz:
„Dann haben wir wenigstens erstmal alles.“
Natürlich hat man nicht alles.
Man hat niemals alles.
Abends sitzt man zwischen Lavendel und halbtoten Tomatenpflanzen, hört irgendwo einen Rasenmäher und denkt kurz, dass das Leben vielleicht doch ganz schön ist. Bis das Kind fragt, ob WLAN im Garten schwächer sei oder ob YouTube kaputt ist.
Der Sommer der Baugerüste
Im Sommer wird gebaut. Immer. Irgendwo hämmert jemand. Irgendwo steht ein Gerüst. Der ganze Ort klingt wie eine mittelgroße Dauerbaustelle mit Vogelschutzgebiet.
Die Nachbarn lassen die Fassade dämmen. „Energetisch sinnvoll“, sagen sie und streicheln beinahe zärtlich den neuen Vollwärmeschutz. Seitdem klingt jedes Gespräch im Viertel, als würde es durch eine Daunendecke geführt.
Natürlich entdeckt man dabei auch die eigenen Mängel. Die Fenster schließen nicht richtig, die Terrasse sackt leicht ab, und irgendwo im Gäste-WC entsteht ein mysteriöser Wasserfleck, der aussieht wie Südamerika.
Handwerker zu bekommen ist schwieriger als Therapieplätze oder Taylor-Swift-Tickets. Einer meldet sich tatsächlich zurück und sagt:
„Könnte in acht Monaten mal schauen.“
Man bedankt sich überschwänglich.
Abends wird gegrillt. Gas natürlich, wegen der Kontrolle. Holzkohle gilt als emotional und unberechenbar. Die Männer stehen mit Zangen am Grill wie Chirurgen, die Frauen schneiden Salat, die Kinder springen kreischend auf dem Trampolin, das eigentlich viel zu groß für den Garten ist.
Um halb zehn ruft jemand:
„Jetzt reicht’s aber wirklich!“
Niemand hört darauf.
Und über allem liegt dieser warme Sommergeruch aus Grillrauch, Sonnencreme und leichtem finanziellen Druck.
Der große Herbst der Erkenntnis
Im Herbst beginnt die Wahrheit des Eigenheims. Das Laub fällt ununterbrochen, als wolle der Planet persönlich provozieren. Jeden Morgen kehrt man Einfahrt und Terrasse frei, jeden Abend sieht es wieder aus wie ein Waldstück.
Die Kinder bringen Läuse aus der Schule mit. Der Hund riecht nach nassem Teppich. Die Wärmepumpe macht Geräusche, die entweder normal oder extrem teuer sind.
Beim Elternabend erfährt man, dass praktisch alle Kinder im Ort ein Instrument lernen. Geige, Klavier, Cello. Das eigene Kind möchte Schlagzeug.
Natürlich Schlagzeug.
Im Keller ist kein Platz, im Wohnzimmer droht Scheidung. Also sucht man einen Proberaum und stellt fest, dass ein schallisolierter Raum ungefähr so viel kostet wie ein Kleinwagen.
An einem verregneten Sonntag steht man irgendwann im Wohnzimmer und betrachtet das perfekt eingerichtete Haus. Eichenholztisch. Designerlampe. Kissen in Naturtönen. Alles exakt so, wie man es auf Pinterest gesehen hat.
Und trotzdem denkt man plötzlich:
Vielleicht war die Altbauwohnung mit dem quietschenden Dielenboden gar nicht so schlecht.
Dann klingeln die Nachbarn.
Ob man beim Adventsbasteln helfen könne.
Man sagt natürlich ja.
Denn man wohnt jetzt hier.
Und hat ja zwei Kinder.
Und ein Haus.
Winter, oder: Die große Wärmepumpen-Meditation
Im Winter verwandelt sich das Eigenheim in ein technisches Großexperiment. Die Wärmepumpe summt Tag und Nacht wie ein philosophischer Kühlschrank. Im WhatsApp-Nachbarschafts-Chat vergleichen alle ihre Stromverbräuche mit der Ernsthaftigkeit von Herzchirurgen.
„Nur 16 Kilowattstunden heute“, schreibt jemand.
Mehrere Leute schicken Flammen-Emojis.
Draußen fällt Schnee für ungefähr neun Minuten und wird sofort zu grauem Matsch. Die Kinder wollen Schlitten fahren, finden aber nur nasse Wiesen und einen depressiven Schneerest am Straßenrand.
Der Volvo springt problemlos an. Der kleine Stadtwagen nicht. Man googelt hektisch:
„Auto startet nicht Minusgrade Hilfe dringend.“
Abends läuft Kaminfeuer auf YouTube, weil echte Kamine inzwischen problematisch sind. Der Thermomix knetet Teig, der Hund pupst unter dem Tisch, und Netflix lädt in pixeliger Qualität, weil das Internet wieder schwächelt.
Man sitzt da mit Tee und Wolldecke und sagt:
„Irgendwie entschleunigt das Leben hier draußen schon.“
Im selben Moment schreit oben ein Kind:
„Er hat mich angeatmet!“
Weihnachten im Eigenheim
Weihnachten ist die Zeit, in der alle so tun, als hätten sie sich genau dieses Leben immer gewünscht. Das Haus riecht nach Zimt, Tannennadeln und leicht verbranntem Adventskranz. Wochenlang fährt man auf der Suche nach „dem perfekten Baum“ durch die Gegend und kauft am Ende doch einen vom Baumarktparkplatz.
Die Kinder streiten darüber, wer den Stern oben draufsetzen darf. Der Hund frisst Lametta oder etwas ähnlich Lebensgefährliches. Irgendwo blinkt eine Lichterkette aggressiv in epileptischen Geschwindigkeiten.
„Dieses Jahr machen wir es ganz ruhig“, sagen die Leute, während sie hektisch Pakete bestellen und online nach Last-Minute-Geschenken suchen. Die Schwiegermutter kündigt sich „nur kurz“ an und bleibt sechs Stunden.
Um fünfzehn Uhr sitzen alle geschniegelt im Wohnzimmer. Es gibt Kaffee, Plätzchen und unterschwellige Spannungen. Dann fällt plötzlich der Strom aus. Der Braten ist halb roh, Alexa schweigt beleidigt, und die Kinder beginnen im Halbdunkel mit ihren neuen Spielzeugschwertern zu kämpfen.
Später sitzt man mit kalten Knödeln am Tisch und merkt:
Vielleicht ist Weihnachten genau deshalb schön, weil irgendwann alles zusammenbricht und niemand mehr Energie hat, perfekt zu sein.
Dann fragt das jüngste Kind:
„Kann der Weihnachtsmann eigentlich auch Raten zahlen?“
Und niemand lacht sofort.
Schreibe den ersten Kommentar