Pünktlich auf die Minute fährt der Scotrail Zug nach Inverness ab und die Reise über die Kyle Line beginnt. Es soll mindestens genauso schön sein, wie die Westhighlandline – und ja, kann ich absolut bestätigen. Auf rund 102 Kilometern verbindet sie den Ort Kyle of Lochalsh an der Westküste mit Inverness an der Ostküste. Die Fahrt dauert ungefähr 2:40 Stunden. Dabei durchquert die Bahn eine Landschaft, die beinahe alles vereint, was die Highlands ausmacht: tief eingeschnittene Meeresarme, stille Süßwasserseen, bewaldete Täler, einsame Moorlandschaften und weite Bergpässe. Die Strecke wurde mit der letzten Verlängerung von Stromefferry nach Kyle of Lochalsh im Jahr 1897 eröffnet. Bis heute ist sie überwiegend eingleisig und nicht elektrifiziert. Sie folgt über weite Abschnitte natürlichen Tälern und Wasserläufen, bevor sie die Wasserscheide der Highlands überquert und schließlich das Strathconon (Tal des Flusses Conon) erreicht. Besonders reizvoll soll die Fahrt von West nach Ost sein, weil sich die Landschaft allmählich von der zerklüfteten Atlantikküste zu den breiteren Tälern und sanfteren Hügeln rund um Inverness verändert. Ich bin gespannt…
Die Reise beginnt unmittelbar am Loch Alsh. Zunächst führt die Strecke nordwärts durch eine felsige, von kleinen Buchten und niedrigen Hügeln geprägte Küstenlandschaft. Bei Duirinish öffnet sich die Landschaft in Richtung Loch Carron.







An manchen Stellen ist die Vegetation jedenfalls kurz nach Kyle so nah an der Strecke, dass die Äste der Sträucher am Zug entlang streichen. Das Klicker-di-Klack der unverschweißten Schienen ist hier nur stellenweise zu hören. Deutlich längere Teile der Strecke haben durchgehende Schienen.
Wir fahren nirgends wirklich mehr als 30 mph – was ein gemütliches Tempo ist, um die herrliche Landschaft zu genießen. Aussteigen heißt auf schottischem Englisch übrigens „alight from train“.
Bei Plockton passiert die Bahn die geschützte Bucht Loch Plockton, einen Seitenarm des Loch Carron. Danach führt sie am historischen Duncraig Castle vorbei. Zwischen Duncraig und Stromeferry rückt das Gleis unmittelbar an das Ufer des Loch Carron heran. Auf der gegenüberliegenden Seite erheben sich die Berge von Applecross. Die Bahn schlängelt sich zwischen Felswänden und Wasser entlang – einer der schönsten Abschnitte der gesamten Strecke.






Hinter Stromeferry bleibt die Bahn zunächst dicht am Südufer des Loch Carron. Besonders auffällig ist die Steinschlaggalerie bei Attadale, die Gleise und Straße vor herabfallendem Gestein schützt. Bei Attadale mündet ein kleines, von Bergen eingerahmtes Tal in den Meeresarm. Weiter östlich verengt sich Loch Carron, bis bei Strathcarron der River Carron in das salzige Wasser mündet. Hier endet die Küstenlandschaft und die Reise führt weiter hoch in die Highlands.




Nun beginnt die Fahrt durch das beeindruckende Glen Carron. Der Zug folgt dem River Carron flussaufwärts. Zunächst passiert er den lang gestreckten Süßwassersee Loch Dùghaill. Dahinter wird das Tal enger, die Berghänge steiler und die Vegetation dichter. Rund um Achnashellach dominieren Wälder, Moore und die gewaltigen Berge der südlichen Torridon-Region. Besonders der Gebirgszug um Beinn Liath Mhòr und Sgorr Ruadh prägt diese Landschaft.




Oberhalb von Achnashellach weitet sich Glen Carron zu einer einsamen Hochlandlandschaft. Der Zug folgt dem oberen River Carron in Richtung Loch Sgamhain, auch Loch Scaven genannt. In der Nähe liegt der Luib Summit, mit etwa 197 Metern über dem Meeresspiegel der höchste Punkt der Kyle Line. Es handelt sich weniger um einen schroffen Gebirgspass als um einen breiten Übergang zwischen zwei Flusssystemen. Hier verläuft die Wasserscheide zwischen Atlantik und Nordsee. Anschließend senkt sich die Strecke nach Achnashee. Bei Achnasheen befindet sich die Bahn in einer weiten, nahezu baumlosen Hochlandebene. Westlich des Ortes liegt Loch a’ Chroisg, während die Bahn nun ostwärts dem River Bran durch das Strath Bran folgt. Das Tal ist von sanften Bergrücken, Heideflächen und Mooren umgeben. In der Nähe von Achanalt passiert die Strecke Loch Achanalt, einen kleineren See inmitten einer besonders stillen Landschaft.




Östlich von Achanalt folgt die Bahn dem verzweigten Wassersystem des River Conon. Zunächst passiert sie Loch a’ Chuilinn, bevor sich der große Loch Luichart öffnet. Der Zug fährt an dessen Nordufer entlang. Der Wasserstand des Sees wurde in den 1950er-Jahren im Rahmen eines Wasserkraftprojekts angehoben, weshalb auch der Bahnhof Lochluichart verlegt werden musste. Hinter dem See führt die Strecke weiter durch bewaldetes Hügelland nach Garve, wo sie in die Nähe von Loch Garve und des Black Water gelangt.







Hinter Garve folgt die Strecke dem Tal des Black Water, das sich nach Osten zum River Conon hin öffnet. Die Berge treten zurück, die Wälder und landwirtschaftlich genutzten Flächen nehmen zu. Nördlich erhebt sich das mächtige Massiv des Ben Wyvis mit 1.046 Metern. Über Achterneed erreicht der Zug Dingwall – wo die Northern Line nach Thurso abzweigt, und wo das erste Mal ein paar mehr Leute einsteigen, die ganz offensichtlich keine Touristen sind – wird es richtig satt grün – und fängt an zu regnen. Man merkt, dass wir langsam an die schottische Ostküste – die Nordsee-Küste kommen.






Die Landschaft verändert sich. Es wird insgesamt grüner und weniger herbstlich in den Farben. Auch die Vegetation wird intensiver.
Hier sieht man auch die ersten landwirtschaftlich genutzten Flächen (von Schafen und Hochland-Rindern mal abgesehen). Was man gut daran erkennt, dass Strohballen auf einigen Feldern liegen und kultivierte Flächen zu sehen sind.
Ab Dingwall führt die Bahn über Conon Bridge, Muir of Ord und Beauly in Richtung Inverness. Hinter dem Haltepunkt Beauly – dessen alten Bahnhof sich jemand hübsch gemacht hat – beginnt der Beauly Firth (Firth ist das englische Wort für Fjord), dem breiten Meeresarm westlich von Inverness, der jetzt bis nach Inverness auf unserer linken Seite bleibt und dort in den Moray Firth übergeht, der dann hinter Inverness in die Nordsee mündet. Und der Regen wird immer intensiver. Ich muss sagen, auf der Atlantik Seite von Schottland war das Wetter schöner.






Kurz vor dem Ziel überquert die Bahn bei Clachnaharry den Caledonian Canal auf einer Schwenkbrücke die exakt genauso aussieht und sich bei der Überfahrt des Zuges auch genauso anhört, wie in Banavie. Wenig später wird auch der River Ness überquert, bevor der Zug im Bahnhof Inverness eintrifft. Damit endet diese Zugfahrt durch die Highlands.




Wie es in Inverness weitergeht? Erst mal zur Unterkunft und dann mal sehen 🙂

Schreibe den ersten Kommentar