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The Great Glen

Auf meiner Schottlandreise durch 400 Millionen Jahre Erdgeschichte oder was Schottland mit Norwegen verbindet.

Auf meiner Reise durch Schottland begegnet mir die Erdgeschichte auf ganz besondere Weise und wird sehr eindrucksvoll sichtbar im Great Glen. Als der Begriff oft genug aufgetaucht ist, musste ich mal nachlesen, was es denn damit überhaupt auf sich hat. Und dabei kam einiges interessantes heraus:

Diese gewaltige, fast schnurgerade Furche zieht sich über rund 100 Kilometer von Fort William im Westen bis nach Inverness im Osten quer durch die schottischen Highlands. Was heute für mich beinahe wie ein friedliches Tal mit dunklen Seen, bewaldeten Hängen und mächtigen Bergen aussieht, ist das Ergebnis unvorstellbarer geologischer Kräfte.

Bereits in Fort William bin ich dieser Landschaft begegnet. Nördlich liegt Neptune’s Staircase, die eindrucksvolle Schleusentreppe des Caledonian Canal. Hier beginnt für mich die Begegnung mit dem Great Glen und ich lese zum ersten Mal davon. Ein Blick auf die Landkarte lässt allerdings die fast schnurgerade Linie des Tals diagonal durch Schottland schnell erkennen. Während der Kanal sozusagen ein vergleichsweise junges Bauwerk ist, reicht die Naturgeschichte dieses Tals Hunderte Millionen Jahre zurück.

Vor etwa 400 Millionen Jahren kollidierten während der Kaledonischen Gebirgsbildung gewaltige Kontinentalmassen miteinander. Dabei entstanden hohe Gebirge und tief reichende Bruchzonen in der Erdkruste. Eine dieser Bruchzonen ist die Great Glen Fault. Entlang dieser (unterirdisch rund 1.000 km langen) Verwerfung verschoben sich riesige Gesteinsblöcke im Laufe der Erdgeschichte seitlich gegeneinander – um viele Dutzend Kilometer, möglicherweise sogar deutlich mehr als hundert Kilometer.

Es ist ein unvorstellbarer Gedanke, dass die Berge der Highlands einst Teil einer Landschaft waren, die durch unfassbare tektonische Kräfte regelrecht auseinandergerissen und gegeneinander verschoben wurden.

Als ich von Mallaig nach Fort William zurückkehre und von dort in Richtung Kyle of Lochalsh weiterreise, begegnet mir das Great Glen erneut. Die Fahrt führt zunächst nordwärts durch die Highlands, vorbei an Spean Bridge und in die Gegend von Loch Lochy. Hier lässt sich in der Landschaft schon erkennen, wie die lang gestreckten Seen der großen geologischen Bruchzone folgen.

Ihre heutige Form verdanken diese Täler vor allem den Eiszeiten. Gewaltige Gletscher nutzten die bereits vorhandenen Schwächezonen im Gestein, schliffen die Felsen ab – daher sind die Kuppen und Senken auch alle so schon „rund“ – und vertieften die Täler. Nach dem Abschmelzen des Eises füllten sich die entstandenen Becken mit Wasser. So entstanden die charakteristischen Seen, die sich heute wie an einer Perlenschnur durch das Great Glen ziehen.

In Inverness bin ich am nordöstlichen Ende des Great Glen angekommen. Von hier aus gehts zum berühmtesten der Seen, nach Loch Ness.

Mit einer Länge von rund 37 Kilometern und einer Tiefe von bis zu 230 Metern ist Loch Ness ein eindrucksvolles Zeugnis der eiszeitlichen Gletscher. Sein gewaltiges Wasservolumen übertrifft sogar das aller Seen Englands und Wales zusammen.

Auch das dunkle Wasser erzählt eine Geschichte. Aus den Mooren der umliegenden Highlands gelangen gelöste organische Stoffe in den See und verleihen ihm seine charakteristische bräunliche Färbung. Zusammen mit seiner enormen Tiefe entsteht jene romantische und geheimnisvolle Atmosphäre, die Loch Ness weit über Schottland hinaus als Touristenmagnet berühmt gemacht hat.

Zwischen Fort William und Inverness verbindet der Caledonian Canal seit 1822 mehrere der natürlichen Seen miteinander. Die Ingenieuere haben sich vor über 200 Jahren bereits eine geologische Struktur zunutze gemacht, die vor Hunderten Millionen Jahren entstand.

Während ich durch die Highlands unterwegs bin, wird mir immer wieder bewusst, dass die Berge und Täler, die heute so selbstverständlich vor mir liegen, keineswegs unveränderlich sind. Sie erzählen von verschwundenen Ozeanen, kollidierenden Kontinenten und riesigen Eismassen, die einst ganz Schottland bedeckten.

Der Urlaub in Schottland ist auf seine Weise auch etwas nachgeholter praktischer Geographie-Unterricht.

Besonders faszinierend finde ich, dass Schottland und Skandinavien geologisch eng miteinander verwandt sind. Vor rund 400 Millionen Jahren, während der Kaledonischen Gebirgsbildung, waren die Landmassen des heutigen Schottlands und Norwegens Teil einer zusammenhängenden Gebirgsregion. Gewaltige Kontinentalbewegungen ließen damals Gebirge entstehen und hinterließen mächtige tektonische Verwerfungen, deren Spuren sich auf beiden Seiten der heutigen Nordsee finden.

Erst viele Millionen Jahre später begann sich der Nordatlantik zu öffnen und die Landmassen voneinander zu trennen. Was heute durch ein Meer getrennt ist, gehörte einst zu einer gemeinsamen geologischen Geschichte.

Also Geographie ist doch irgendwie spannend wenn man sie so direkt vor der Nase hat. Muss ich mir am anderen Ende in Norwegen wohl auch mal ansehen. Tja. 🏴󠁧󠁢󠁳󠁣󠁴󠁿🇳🇴 Und was in Norwegen anders ist (oder war) finde ich dann dort heraus.

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